Wie „Propaganda“ unser Denken prägt und warum wir manchmal einfach schweigen

In unserer täglichen Arbeit stoßen wir regelmäßig auf Propaganda. Nicht im dramatischen Sinne des Wortes, sondern einfach als die Art und Weise, wie Informationen gefärbt präsentiert werden. Was du oder ich in den Nachrichten hören, ist das wirklich neutral? Oder vermittelt es unbewusst ein bestimmtes Weltbild?

Dieses Weltbild beeinflusst uns mehr, als wir oft denken. Es bestimmt, wie wir Ereignisse wahrnehmen, wie wir über Menschen urteilen und wie wir mit der Welt um uns herum umgehen. Was in den Niederlanden als Wahrheit dargestellt wird, kann in einem anderen Land, wie Russland, der Ukraine oder Deutschland, eine ganz andere Geschichte über genau dasselbe Ereignis erzählen.

In unseren Gesprächen mit den Zielgruppen versuchen wir, so neutral wie möglich zu bleiben. Nicht, weil wir keine Meinung haben, sondern weil wir erkennen, dass auch wir selbst durch die Nachrichten, die wir hören, geprägt sind. Und ob diese Nachrichten stimmen? Zugegebenermaßen wissen wir das manchmal einfach nicht. Deshalb vermeiden wir bewusst bestimmte Themen oder lassen sie offen, gerade um Raum für die Geschichte des anderen zu schaffen.

Aber wie funktioniert diese Beeinflussung unseres Denkens durch Kultur und Informationen eigentlich? Um das zu veranschaulichen, nehmen wir ein Beispiel aus der Vergangenheit, ein unschuldig wirkendes Kinderspiel in der ehemaligen DDR. Ein Beispiel, das zeigt, wie tief Propaganda selbst in etwas so Einfaches wie die Wahl zwischen Cowboy oder Indianer eindringen kann.

Fragt man heute ein Kind, Cowboy und Indianer zu spielen, bekommt man wahrscheinlich ein Lächeln oder einen verwunderten Blick: „Was ist das?“ Für diejenigen, die in den 70er oder 80er Jahren aufwuchsen, war es jedoch ein klassisches Rollenspiel.

Im Westen wollten die meisten Kinder Cowboy sein, der Held mit Hut, Lasso und Revolver. (Das bin ich auf dem Foto.)

In der DDR, dem sozialistischen Ostdeutschland, war es genau andersherum. Dort wollten Kinder massenhaft Indianer sein. Warum?

Weil es in der DDR nicht nur ein Spiel war, sondern eine politisch aufgeladene Wahl. In einer Gesellschaft, in der Ideologie tief in Bildung, Kunst und Kinderspiele eindrang, wurden die Indianer zum Symbol des gerechten Kampfes gegen kapitalistische Unterdrückung. Was als Abenteuerspiel auf dem Schulhof begann, wurde zum Spiegelbild des Weltbildes, das der Staat vermitteln wollte.

Der Indianer als Revolutionär: In der DDR wurden die amerikanischen Ureinwohner, die „Indianer“, nicht als wilde oder exotische Figuren dargestellt, wie es oft im Westen geschah. Im Gegenteil, sie wurden als edle Kämpfer, Opfer von Kolonialismus und Ausbeutung, vor allem durch die Vereinigten Staaten, präsentiert. Sie passten perfekt in die kommunistische Erzählung von der unterdrückten Klasse: Völker, die sich gegen die Herrschaft kapitalistischer Mächte wehren. Wer sich mit dem Indianer identifizierte, wählte die Seite der Gerechtigkeit, Solidarität und des Widerstands – genau die Werte, die die DDR ihren Bürgern vermitteln wollte.

Film als ideologische Erziehung: Die DDR produzierte eigene Westernfilme, die sogenannten „Indianerfilme“. Der Held in diesen Filmen war selten ein Cowboy, sondern fast immer ein mutiger Indianer, oft gespielt von Gojko Mitić. Seine Figuren waren stark, weise, mit der Natur verbunden und loyal gegenüber ihrer Gemeinschaft. Der Gegner kam meist aus dem Westen: amerikanische Soldaten, Siedler oder Unternehmer, getrieben von Gier und Rassismus. Der Kontrast war klar und sollte eine Lektion sein: das Kollektiv gegen Individualismus, edler Widerstand gegen imperialistische Unterdrückung.

Kinderspiel als ideologisches Rollenspiel: Selbst im spontanen Spiel der Kinder schwang die Staatsideologie mit. Auf dem Schulhof wurde selten der Cowboy gewählt, denn er stand für den Feind. Wer Indianer war, stand auf der richtigen Seite der Geschichte. Spielen wurde so zur Übung im Weltbild: Wer bist du und auf wessen Seite stehst du? Die DDR nutzte selbst Kinderspiele als subtile Erziehungsmethode. Kinder lernten beim Spielen, dass Solidarität, Kampf gegen Unrecht und Treue zum Kollektiv höher standen als das romantische Individualismusbild der Cowboy-Helden aus dem Westen.

Wenn wir zurückblicken auf die ostdeutschen Kinder, die stolz als Indianer über den Schulhof rannten, sehen wir nicht nur Verkleidungsspaß, sondern auch ein kleines Stück Geschichte.

Ein Spiel mit Botschaft: Die Mauer ist gefallen, die DDR ist Geschichte und das Spiel „Cowboys und Indianer“ ist auf Schulhöfen inzwischen selten geworden. Doch das Prinzip bleibt relevant: Selbst scheinbar unschuldige Kinderspiele werden geprägt durch das Weltbild, in dem Kinder aufwachsen. Was sie spielen und wie sie es spielen, spiegelt oft tiefere Überzeugungen, Erfahrungen und Geschichten wider.

In unserer Arbeit als Missionare und Helfer im Osten Deutschlands sehen wir täglich, wie diese Prägung das Leben von Erwachsenen beeinflusst. Nicht nur bei Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, sondern auch bei Russen, Ukrainern und anderen, mit denen wir arbeiten. Jeder trägt seine eigene Geschichte, Erwartungen und Spannungen mit sich, manchmal offen, manchmal verborgen unter der Oberfläche.

Deshalb ist Zuhören so wichtig. Raum schaffen für die Geschichte des anderen. Nicht zu schnell interpretieren, sondern Fragen stellen. Verständnis zeigen. Nur so entsteht echte Begegnung, echte Heilung und vielleicht auch ein Stück Versöhnung in einer Welt voller Gegensätze.