Wenn die Polizei vorbeikommt

Letzte Woche haben wir mit jemandem gesprochen, dem es nicht so gut ging. Er hatte sich selbst aus der Klinik “entlassen”, weil “die da eh nichts machen” und “ich hab doch gar keine Probleme”. Er war einfach gegangen und wollte auf keinen Fall zurück. Als wir gefragt haben, welche Probleme sie bei ihm sehen, meinte er, sie hätten gesagt, er hätte ein Aggressionsproblem.

Und darüber war er wütend. SEHR wütend. Aggressiv wütend.

  • “Wenn ich hier jetzt die Fenster einschlage, kommt dann auch die Polizei?”
  • “Ich geh nie wieder zurück, sonst schlag ich die alle zusammen”
  • “Nee, Medikamente brauch ich nicht, mir geht’s gut”
  • “Wie stark bist du eigentlich?”

Wie du schon merkst… die Probleme, von denen er denkt, dass er sie nicht hat… sind definitiv da. Und nicht zu knapp. Er sieht sie nur nicht. Auf die Frage, ob die Klinik weiß, dass er nicht zurückkommt, war seine Antwort: “Nee, ich ruf da ganz bestimmt nicht an”. Und dann beginnt unser Spiel Nummer 1.

Irgendwo einen Kaffee organisieren, ruhig hinsetzen, gaaanz langsam reden, ruhige Stimme, Ablenkung schaffen, dich zwischen ihn und “die böse Welt” stellen. Und in diesem Fall auch ganz buchstäblich. Denn seine Kommentare gegenüber anderen Passanten waren ebenfalls ziemlich aggressiv. Also stellst du dich zwischen ihn und “den Rest der Welt”. Er sieht nur dich, der Rest ist kurz weg. Er kann darauf nicht mehr reagieren und das bringt wieder etwas Ruhe. Ganz ruhig.

Irgendwann haben wir es geschafft, dass er selbst die Klinik angerufen hat, und am Telefon konnten sie einen Termin vereinbaren, dass er doch wieder zurückgeht und sich um Uhrzeit x meldet.

Bevor wir ihn überhaupt angesprochen haben, hatte er allerdings schon einigen Leuten ordentlich “auf die Füße getreten”, und die hatten bereits die Polizei gerufen.

Und dann beginnt das Spiel, Teil 2.

Er war jetzt ruhig. Aber wenn die Polizei plötzlich “vor der Tür steht”, besteht ein großes Risiko, dass diese mühsam aufgebaute Ruhe sofort wieder weg ist. Dass es wieder eskaliert – oder sogar noch viel, viel schlimmer wird.

(das Foto ist natürlich gestellt, wir machen keine Bilder von Klienten in solchen Momenten)

Jetzt ist es also eine Kunst, der Polizei zu erklären, dass gerade alles ruhig ist, was los ist, dass wir schon mit der Klinik gesprochen haben und dass wir dabei sind, ihn zu motivieren, wieder dorthin zurückzugehen. Klar, die Polizei könnte ihn auch “hinbringen”, aber das würde nur noch mehr Unruhe in seinem Kopf erzeugen.

Am Ende haben wir alle wieder beruhigt bekommen. Die Polizei hat auch noch kurz mit der Klinik telefoniert, Daten ausgetauscht, und wir konnten den Mann wieder in die Straßenbahn Richtung Klinik setzen – in (relativer) Ruhe.

Einfach ein Moment an einem Tag in unserem Leben.

Inzwischen geht es dem Mann etwas besser, er ist ruhiger und weiterhin in Behandlung.