Schwerin, die DDR und der Einfluss bis heute…

Wir wohnen in Schwerin, das bis zum 3. Oktober 1990 Teil der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war. Nun, so “demokratisch”, wie der Name es vielleicht vermuten lässt, war das nicht. Lass mich dir Margarete Reuter vorstellen:

Sie wurde in Hohenkirchen bei Wismar als Tochter einer Bauernfamilie geboren. Nach dem Krieg arbeitete sie auf dem elterlichen Hof, machte eine Lehrerausbildung und studierte anschließend am Katechetischen Seminar in Schwerin. Ab 1951 unterrichtete sie Religionsunterricht in Brüel und leitete freiwillig die “Junge Gemeinde”. Damit geriet sie in Konflikt mit der DDR-Regierung, die ein materialistisches Weltbild aufzwängen wollte, und wurde verraten (wer genau, ist bis heute nicht bekannt).

Im Februar 1953 fragte ein Polizist, ob er hereinkommen dürfe, um, wie er selbst sagte, “eine kleine Durchsuchung durchzuführen”. Die junge Frau gestattete ihm den Zugang. Nachdem er kurz durch ein Bücherregal geblättert hatte, stieß der Mann auf ein Kinderbuch mit dem Titel „Die Schwestern von Memel“. Die Erwähnung des Namens einer ehemaligen deutschen Stadt im Osten diente als Vorwand, um Margarete Reuter wegen “rassistischer Hetze” zu verhaften.

Während der Vernehmung spielte das betreffende Buch jedoch kaum eine Rolle. Stattdessen drehten sich die Fragen um die „Junge Gemeinde“ und ihre angeblichen Geldgeber.

Nachdem Margarete Reuter ins MfS-Gewahrsam in Schwerin gebracht wurde, wurde sie beschuldigt, Ereignisse, die zwei Jahre zuvor stattgefunden hatten, zu verantworten. Damals besuchte sie das Katechetische Seminar in Schwerin. Zusammen mit Kommilitonen stand sie oft auf dem Balkon des Seminargebäudes, um die Gefangenen des benachbarten Gefängnisses in der Klosterstraße zu trösten, indem sie Lieder sangen.

Drei Monate später verurteilte das Gericht sie zu acht Jahren Gefängnis wegen „Kriegs- und Boykottpropaganda“. Das Publikum wurde vom Vorlesen des Urteils ausgeschlossen. Sie kam in das Frauengefängnis von Bützow, wo die Bedingungen erbärmlich waren. Erst nach dem Prozess erfuhr die verurteilte Frau die fast zwei Monate alte Nachricht, dass ihre Schwester bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Ihr unerschütterlicher Glaube half ihr, diese schwere Zeit zu überstehen. 1955 wurde sie nach einer Strafminderung vorzeitig entlassen.

Na ja… frei… Ein normaler Job war natürlich ausgeschlossen, Religionsfreiheit oder die Freiheit, seine Meinung zu äußern, gab es natürlich immer noch nicht, und um ganz deutlich zu machen, dass sie alles andere als frei war, bekam sie noch einmal buchstäblich (!) eine Rechnung für ihre eigenen “Haftkosten”… Ob sie diese noch bezahlen wollte.

Und was hat das bis heute in dieser Region zur Folge? Viel. Man merkt das Misstrauen, wer ist dein Nachbar, kann man ihm vertrauen (denn ehe man sich versieht, kann er einen verraten), was man denkt, sagt man nicht einfach, schon gar nicht gegenüber einem Fremden, und wer Gott ist? Keine Ahnung, denn Religion ist überhaupt nicht Teil der Kultur, und so weiter, und so fort.

Und die DDR? Die gibt es formal schon seit mehr als 35 Jahren nicht mehr… aber wirklich aus der Kultur verschwunden? Nein.