Mehr als eine Mahlzeit: warum und wie wir Essensgutscheine ausgeben

Auf dieser Seite geben wir Essensgutscheine aus, mit denen obdachlose Menschen bei einer Initiative, mit der wir eng zusammenarbeiten, eine Mahlzeit erhalten können. Einen Teil dieser Gutscheine verteilen wir selbst persönlich auf der Straße und während unserer Kontakte mit der Zielgruppe. Darüber hinaus geben wir auch Essensgutscheine an andere Initiativen in der Stadt weiter, damit diese sie wiederum an die Menschen verteilen können, denen sie begegnen.

Die Vereinbarung ist einfach: Wir bezahlen die Mahlzeiten, eine andere Initiative bereitet sie zu, und sowohl wir als auch unsere Partner verteilen die Gutscheine.

Auf dem Papier klingt das simpel. Einen Gutschein abgeben, eine Mahlzeit erhalten, fertig.

Doch dahinter steckt weit mehr als nur ein Teller Essen.

Genau genommen geht es in aller Ehrlichkeit gar nicht in erster Linie um die Mahlzeit selbst. Die Mahlzeit ist ein Mittel, kein Ziel. Hinter jedem Essensgutschein steckt ein Gedanke, ein Ansatz und eine Reihe von Zielen, von denen wir hoffen, dass sie zu einer positiven Veränderung im Leben eines Menschen beitragen.

1: Beweg dich!

Die Essensgutscheine verteilen wir meist im Stadtzentrum. Der Ort, an dem die Mahlzeit abgeholt werden kann, befindet sich jedoch nicht im Zentrum. Ganz im Gegenteil.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist man etwa eine halbe Stunde unterwegs. Zu Fuß dauert die Strecke schnell anderthalb Stunden.

Das bedeutet, dass die Person selbst überlegen muss, wie sie dorthin kommt. Vielleicht durch das Sammeln von Pfandflaschen für ein Straßenbahnticket, vielleicht durch das Anziehen der Wanderschuhe und das Zurücklegen der Strecke zu Fuß.

Damit erreichen wir unser erstes Ziel: in Bewegung kommen.

Körperliche Bewegung hat nachweislich positive Auswirkungen auf Körper und Geist. Während der Bewegung produziert der Körper Stoffe wie Endorphine, Dopamin und Serotonin. Diese Neurotransmitter spielen eine wichtige Rolle bei Motivation, Stimmung und dem Empfinden von Freude. Regelmäßige Bewegung hilft außerdem dabei, besser mit Stress umzugehen, und stärkt die psychische Widerstandskraft.

Viele obdachlose Menschen kämpfen mit Depressionen, Niedergeschlagenheit oder anderen psychischen Problemen. Gerade dann entsteht oft ein Teufelskreis aus Rückzug, geringer Aktivität und immer weniger positiven Erfahrungen. Bewegung hilft dabei, diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Deshalb geben wir als Stiftung keine Fahrkarten mit aus. Wir ermutigen die Menschen, selbst eine Lösung zu finden. Zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit Hilfe anderer oder auf eine andere kreative Weise.

Aus demselben Grund geben wir niemals mehrere Essensgutscheine gleichzeitig aus. Ein Gutschein pro Mal. Wer erneut einen Gutschein erhalten möchte, kann am nächsten Tag wieder zu einer unserer Ausgabestellen kommen. So entsteht ganz automatisch Bewegung zwischen dem Ort, an dem der Gutschein ausgegeben wird, und dem Ort, an dem die Mahlzeit abgeholt wird.

Wenn jemand zwei Gutscheine pro Woche erhält, ist das für uns völlig in Ordnung. Aber dem darf ruhig eine kleine Anstrengung gegenüberstehen: in Bewegung kommen.

2: Einsatz führt zu einem guten Gefühl

Für die meisten Menschen gilt, dass zuerst Einsatz nötig ist, bevor ein Ergebnis folgt. Wir arbeiten für unser Einkommen, kaufen ein und kochen eine Mahlzeit. Wir glauben, dass dieses Prinzip auch für obdachlose Menschen wichtig ist.

Natürlich verstehen wir, dass nicht jeder sich in derselben Situation befindet. Dennoch glauben wir, dass es nicht gesund ist, wenn alles von selbst kommt. Dann bleibt man leicht in Langeweile, Passivität und Perspektivlosigkeit hängen.

Indem jemand die Reise zur Mahlzeit selbst organisiert, entsteht eine einfache, aber wertvolle Lektion: Einsatz bringt etwas ein. Wenn die Person schließlich mit einer warmen Mahlzeit am Tisch sitzt, hat sie selbst etwas dafür getan. Das sorgt für ein Gefühl der Zufriedenheit. Es ist ein kleiner Schritt, aber ein Schritt in Richtung Verantwortung für die eigene Situation.

Auf diese Weise üben wir ganz vorsichtig Fähigkeiten ein, die auch für Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe wichtig sind. Damit ist Ziel Nummer zwei erreicht.

3: Ein soziales Umfeld aufbauen

Eines der größten Probleme von Obdachlosigkeit ist oft Einsamkeit.

Freunde aus früheren Zeiten sind häufig aus dem Blickfeld verschwunden. Das Vertrauen in andere Menschen ist manchmal beschädigt. Das soziale Netzwerk ist klein oder fehlt ganz.

Gerade das macht das Leben auf der Straße besonders schwer.

Menschen mit einem Netzwerk erhalten oft Hinweise auf Hilfsangebote, Wohnmöglichkeiten, Arbeitsgelegenheiten oder Orte, an denen Unterstützung verfügbar ist. Da ist jemand, der zu einem Termin mitkommt, beim Ausfüllen eines Formulars hilft oder vielleicht sogar noch ein altes Handy übrig hat. Ohne solche Kontakte muss man alles alleine herausfinden.

Deshalb haben wir mit der Initiative, die die Mahlzeiten ausgibt, vereinbart, dass es nicht nur ums Essen geht. Die Menschen bekommen dort auch Aufmerksamkeit. Ein Gespräch. Ein offenes Ohr. Einen Ort, an dem sich jemand für sie interessiert. Dafür bezahlen wir sogar zusätzlich.

Unsere Hoffnung ist, dass dort kleine Kontakte entstehen. Vielleicht sogar erste Freundschaften. Dass Menschen entdecken, dass es noch immer andere gibt, denen sie vertrauen können und auf die sie zurückgreifen können, wenn sie Hilfe brauchen.

Es gibt ein altes niederländisches Sprichwort: Es kommt nicht darauf an, was du kennst, sondern wen du kennst. Indem wir Menschen miteinander in Kontakt bringen, hoffen wir, ihre Welt Schritt für Schritt wieder etwas größer zu machen.

4: Eine gute Mahlzeit

Erst nachdem die ersten drei Ziele angesprochen wurden, kommt das vierte Ziel: eine gute Mahlzeit. Eine gesunde Mahlzeit erscheint vielen Menschen selbstverständlich. Für jemanden, der auf der Straße lebt, ist das jedoch oft nicht der Fall.

Eine warme Mahlzeit mit Gemüse, Vitaminen und ausreichendem Nährwert kann einen großen Unterschied machen. Keine Bierdosen oder Energydrinks als Mahlzeitenersatz, sondern echtes Essen, das den Körper nährt und Energie gibt.

Das klingt vielleicht normal, ist für viele Menschen in einer schwierigen Lebenslage jedoch alles andere als selbstverständlich.

5: Mit Enttäuschungen umgehen

Die Anzahl der Essensgutscheine, die wir ausgeben können, ist begrenzt. Wenn sie weg sind, sind sie weg. Das bedeutet, dass jemand heute vielleicht eine gute Mahlzeit genießen kann, während morgen kein Gutschein mehr verfügbar ist. Das kann enttäuschend sein.

Doch auch das gehört zum Leben. Nicht alles ist immer verfügbar, wenn wir es haben möchten. Diese Realität wollen wir nicht verbergen. Gleichzeitig weisen wir die Menschen gerne auf die Möglichkeiten hin, die es dennoch gibt. Denn wer nicht von der Verfügbarkeit von Essensgutscheinen abhängig sein möchte, kann selbst Schritte unternehmen. Und damit kommen wir zu Ziel Nummer sechs.

6: Werde selbst aktiv!

An dem Ort, an dem die Mahlzeiten ausgegeben werden, besteht die Möglichkeit, sich fast täglich eine Mahlzeit zu verdienen.

Wie? Indem man mit anpackt.

Ein paar Stunden im Garten helfen, in der Holzwerkstatt mitarbeiten, den Abwasch erledigen oder auf andere Weise zum Projekt beitragen. Wer mitmacht, erhält dafür eine Mahlzeit.

Deshalb hoffen wir manchmal sogar, dass jemand enttäuscht ist, wenn kein Essensgutschein mehr verfügbar ist. Nicht weil wir jemandem etwas missgönnen, sondern weil diese Enttäuschung zu Handlung führen kann. Vielleicht entscheidet sich die Person dann, selbst mitzuhelfen. Selbst Einfluss auf die eigene Situation zu nehmen. Nicht abhängig zu bleiben von dem, was andere geben, sondern wieder selbst das Steuer des eigenen Lebens in die Hand zu nehmen. Das sind oft kleine Schritte, aber gerade diese kleinen Schritte können letztendlich den Unterschied machen.

Verantwortung fördern

Mit den Essensgutscheinen lenken wir auch bewusst ein wenig Verhalten und Entscheidungen. Nicht auf eine harte oder verurteilende Weise, aber durchaus mit einer klaren Richtung.

Jemand, der zeigt, dass er aktiv an Veränderung, Heilung und der Übernahme von Verantwortung arbeitet, wird eher für (zusätzliche) Unterstützung infrage kommen als jemand, der sein Geld dauerhaft für Dinge ausgibt, die genau dieselbe Situation aufrechterhalten, wie Drogen, Zigaretten oder bezahlten Sex.

Das ist kein Strafsystem, sondern eine Form der Grenzsetzung. Wir möchten nicht indirekt dazu beitragen, Sucht oder destruktive Verhaltensmuster mit Mitteln zu unterstützen, die eigentlich für Grundbedürfnisse wie Nahrung gedacht sind.

Wenn jemand den Konsum von Suchtmitteln selbst höher priorisiert als Nahrung, dann ist das letztlich eine persönliche Entscheidung, mit allen dazugehörigen Konsequenzen. Wir können und wollen diese Entscheidungen nicht finanziell über die Lebensmittelhilfe unterstützen.

Unser Einsatz bleibt auf Heilung, Stabilität und die Wiedererlangung von Selbstbestimmung ausgerichtet. Dazu gehören auch klare Grenzen bei der Verteilung der Gutscheine.

Fazit:

Die Essensgutscheine, die wir verteilen, scheinen auf den ersten Blick vom Essen zu handeln. In Wirklichkeit geht es jedoch um viel mehr.

Es geht um Bewegung. Um Aktivierung. Um soziale Kontakte. Um Verantwortung zu übernehmen. Um den Umgang mit Rückschlägen. Und letztlich auch um eine gesunde Mahlzeit.

Jeder Essensgutschein ist als kleiner Anstoß nach vorne gedacht. Nicht als dauerhafte Lösung, sondern als ein Schritt in Richtung Heilung.

Schritt für Schritt. Mit Rückschlägen und neuen Anläufen. Vom Überleben zum Leben. Von Abhängigkeit zu Selbstbestimmung. Und hoffentlich irgendwann von der Straße an einen sicheren Ort, der sich wieder wirklich wie Zuhause anfühlt.

Zum Schluss:

Natürlich wissen wir, dass nicht jeder immer ehrlich mit unseren Essensgutscheinen umgeht. Es wird immer Menschen geben, die versuchen, etwas auszunutzen, das eigentlich dazu gedacht ist, anderen zu helfen. Dennoch betrachten wir das nicht als unsere Verantwortung.

Wir glauben, dass die Mittel, die wir weitergeben dürfen, letztlich von Gott kommen. Die Essensgutscheine gehören nicht uns, das Geld gehört nicht uns, und deshalb verspüren wir auch nicht das Bedürfnis, alles bis ins kleinste Detail zu kontrollieren.

Wenn jemand bewusst etwas missbraucht, das zum Guten gedacht ist, dann ist das letztlich eine Verantwortung, die nicht bei uns liegt. Dafür wird diese Person selbst Rechenschaft ablegen müssen – früher oder später.

„So wird also jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“ (Römer 14,12)

Lutherbibel 2017

Gerade diese Überzeugung schenkt uns Ruhe. Sie bewahrt uns davor, in endlosen Kontrollen, Misstrauen und Mikromanagement zu landen. Denn sobald man jeden Gutschein, jede Mahlzeit und jede Person ständig kontrollieren möchte, verschiebt sich der Fokus vom Helfen zum Kontrollieren.

Das bedeutet nicht, dass wir naiv sind. Wir wissen beispielsweise, dass ein erheblicher Teil der ausgegebenen Gutscheine niemals eingelöst wird. Keine Sorge: Ein nicht eingelöster Gutschein kostet uns kein Geld, denn wir bezahlen erst dann, wenn ein Gutschein tatsächlich gegen eine Mahlzeit eingelöst wird. Aber auch diese ungenutzten Gutscheine betrachten wir nicht als Verschwendung. Manchmal verändert sich die Situation eines Menschen, manchmal wird ein Gutschein vergessen, und manchmal wissen wir einfach nicht, was damit geschieht.

Unsere Aufgabe ist nicht, alles zu kontrollieren. Unsere Aufgabe ist es, das weiterzugeben, was uns anvertraut wurde. Was Menschen anschließend mit dieser Möglichkeit machen, liegt letztlich bei ihnen selbst.

Deshalb geben wir die Gutscheine mit offener Hand weiter: ohne Misstrauen, ohne endlose Kontrollmechanismen und ohne versteckte Bedingungen. Wir säen. Was daraus wächst, liegt nicht vollständig in unseren Händen. Dieses Vertrauen gibt uns die Freiheit, weiterhin zu geben.

Machst du mit?

Jede Mahlzeit kostet uns 10 €. Wie du gelesen hast, erhält man für diese 10 € eigentlich weit mehr als nur eine Mahlzeit. Es ist ein Moment der Aufmerksamkeit, ein Schritt in Bewegung, eine Begegnung und manchmal einfach etwas Ruhe und Menschlichkeit im Alltag eines Menschen. Das gesamte Paket für eine obdachlose Person – Mahlzeiten, Seife, Shampoo, manchmal Kleidung oder ein Schlafsack – kostet etwa 25 € pro Person.

Hilfst du mit, auch einmal eine (oder mehrere) davon zu finanzieren? (Klick) Im Namen der Menschen, für die dies gedacht ist: Vielen Dank für deine Hilfe.