Kontext und Zusammenhang sind entscheidend!

So oft hören wir: „Ja, aber die Bibel sagt … a, b, c“ … und dann hören wir einen Bibelvers … der scheinbar genau passt, aber völlig aus seinem Zusammenhang gerissen wird … mit all dem Ärger, der daraus entstehen kann. In unseren Blogbeiträgen findet ihr solche Verse manchmal auch als Warnung. Wie wichtig ist es also, die Bibel im Zusammenhang zu lesen? Nehmen wir einmal einen extremen(!) Bibelvers, bei dem es komplett schiefgeht, wenn man ihn aus dem Zusammenhang reißt. Bist du bereit? Wirklich? Dann lesen wir diesen Vers einmal außerhalb(!) seines Zusammenhangs:

Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert!

Psalm 137,9

Ah, also ist es gut, wenn jemand die eigenen Kinder eines anderen am Felsen zerschmettert? Denn genau das sagt die Bibel doch, oder? Siehst du, Gott heißt Gewalt gut! Was für ein grausamer Gott … An einen solchen Gott glaube ich nicht. An einen solchen Gott will ich nicht einmal glauben. Schrecklich, was da in dieser Bibel steht!

Genau das passiert also, wenn man die Bibel nicht im Zusammenhang liest … dann liest man plötzlich wirklich merkwürdige Dinge, die dort so gar nicht stehen … Der Zusammenhang ist nämlich, dass das jüdische Volk Gott darum anruft, an seinen Feinden Vergeltung zu üben. Ah! Das ist also nicht Gott, der hier spricht, sondern der Schreiber dieses Psalms, der all seine Emotionen zum Ausdruck bringt. Jetzt sieht die Sache schon etwas anders aus. Schauen wir uns einmal an, was der Zusammenhang tatsächlich ist: Psalm 137 steht im Zusammenhang mit der Verschleppung des jüdischen Volkes nach Babylon:

An den Strömen Babels, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.

Psalm 137,1

Die Juden im Exil wurden misshandelt:

An die Pappeln dort hängten wir unsere Zithern.

Psalm 137,2

Vielleicht erinnerst du dich noch daran, dass die Juden in den Konzentrationslagern unter den Nazis Musik machen mussten(!), während Menschen zu den Gaskammern gebracht wurden? Genau dieses Gefühl also … ein Gefühl mit sehr vielen Emotionen. Kannst du dir das vorstellen?

Der Psalmist erinnert sich sowohl an die Schande der Edomiter, die Jerusalem plünderten, als auch an die Babylonier, die ihre Hauptstadt zerstörten. Er kommt am Ende des Psalms zu zwei Schlussfolgerungen. Zunächst sagt er:

Tochter Babel, du Verwüsterin! Glücklich, der dir vergilt dein Tun, das du uns angetan hast.

Psalm 137,8

Dieser Schrei nach Vergeltung sehnte die Vernichtung ihrer Feinde herbei. Das ist die Emotion des Schreibers, die wir hier lesen, nicht die Stimme Gottes, die dies sagt …

Anschließend fügt der Psalmist in Vers 9 weitere Details zu diesem Schrei nach Vergeltung hinzu und sagt: „Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert!“

Der Wunsch wird sehr drastisch ausgedrückt, aber es handelt sich schlicht um den Ruf nach der Vernichtung der gesamten Nation, also der Nation, die die Juden versklavt, ihre Babys getötet und ihre Stadt zerstört hatte.

Wenn wir uns vor Augen halten, dass die Psalmen Lieder sind, die intensive Emotionen ausdrücken (denk noch einmal an die Gaskammern zurück …), sollte uns eine Aussage wie „Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert“ nicht schockieren.

Der Schreiber hatte nicht vor, Babys zu ermorden. Vielmehr sehnte er sich nach Gerechtigkeit, für die der Tod seiner Feinde notwendig war. Und noch einmal: Dort steht nicht, dass Gott dies sagt. Der Schreiber des Psalms schreibt hier seine Emotionen nieder.

Aber gut, ist das nun die eigentliche Lektion dieses Blogbeitrags über Psalm 137? Nein. Es geht darum, dass wir die Bibel im Zusammenhang lesen müssen.

Es ist wichtig, Bibelstellen und Geschichten in ihrem Zusammenhang zu studieren. Verse aus ihrem Zusammenhang zu reißen, führt zu allen möglichen Fehlern und noch viel mehr Ärger. Das Verständnis des Zusammenhangs beginnt mit vier Prinzipien: die wörtliche Bedeutung (was steht dort tatsächlich), der historische Hintergrund (die Ereignisse in der Geschichte, an wen richtet sich der Text und wie wurde er damals verstanden), die Grammatik (der unmittelbare Satz und Absatz, in dem ein Wort oder eine Aussage steht) und die Synthese (der Vergleich mit anderen Teilen der Bibel, um zu einem vollständigeren Verständnis zu kommen). Der Zusammenhang ist entscheidend. Es geht nicht nur darum, die Bibel zu lesen, sondern sie im Zusammenhang zu lesen und zu studieren.

Wir müssen also sehr vorsichtig sein, wenn wir Psalm 137 in seinem historischen Zusammenhang auslegen und ihn im Zusammenhang mit dem gesamten Ratschluss der Bibel richtig anwenden. Es ist ein ganz menschlicher Wunsch nach Gerechtigkeit und danach, dass Gottes Feinde besiegt werden.

Erst wenn wir den Zusammenhang betrachten und zum Beispiel diesen Vers dazunehmen:

Vergeltet niemand Böses mit Bösem; seid bedacht auf das, was ehrbar ist vor allen Menschen! Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden! Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn ⟨Gottes⟩! Denn es steht geschrieben: „Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr.“

Römer 12,17-19

Dann bekommen wir das vollständige Bild. Psalm 137 ist kein egoistisches Gebet um persönliche Rache. Es ist ein Flehen des Schreibers an Gott, einzugreifen und das Leid zu beenden (behalte dabei das Bild des Konzentrationslagers im Kopf). Das ist der Zusammenhang.

Lieber Leser … studiere deine Bibel, im Zusammenhang, jeden Tag. Es geht um Dinge von ewiger Bedeutung. Nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere, wenn du die Bibel benutzt, um etwas zu erklären …